Farben kombinieren: Farbharmonie

Es ist einfach, sich am Farbkreis zu orientieren, um eine Farbharmonie zu kreieren. Dabei muss uns aber bewusst sein, dass die meist leuchtenden Auswahlfarben stellvertretend für eine ganze Farbfamilie stehen. Werden voll gesättigte Töne miteinander kombiniert, kann eine energiegeladene, grafischen Wirkung erzielt werden. Häufig muten diese Kombinationen jedoch etwas trivial oder zu laut an. Für die Innenraumgestaltung hat es sich bewährt, diese brillanten Töne sparsam oder bewusst einzusetzen, wenn eine imposante Wirkung erwünscht ist. Subtilere Kontraste gelingen durch das Abtönen intensiver Farben mit Weiß, Grau oder Schwarz. Im Folgenden findest du Inspiration für wirkungsvolle Farbkonzepte.

 

Komplementär-Farbharmonie

Komplementäre Farben stehen sich im Farbkreis gegenüber. Farbkonzept,e die auf komplementären Farben basieren, wirken häufig ausgenommen ausgewogen. Man sagt, dass wir Menschen uns nach Harmonie sehnen, dass Farben immer ihre Gegenfarbe fordern. Tatsächlich erzeugt unser Gehirn regelmäßig diesen Ausgleich. Fixieren wir etwa 30 Sekunden konzentriert eine größere Fläche eines Farbtons und schauen dann auf eine weiße Fläche, wirkt diese für kurze Zeit, als sei sie mit einem pastelligen Schleier der Komplementärfarbe überzogen.1 Mischst du diese Farben, ergeben sie theoretisch Grau, praktisch wird in den meisten Fällen ein Graubraun entstehen.2

Unterschiedliche Farbkreise

Aber ist dir schon einmal aufgefallen, dass viele Farbkreise unterschiedlich aufgebaut sind, wenn man genau hinschaut? Der zwölfteilige Farbkreis von Johannes Itten, den du wahrscheinlich aus dem Kunstunterricht kennst, basiert auf Gelb, Gelborange, Orange, Rotorange, Rot, Rotviolett, Violett, Blauviolett, Blau, Blaugrün, Grün und Gelbgrün.3 Hast du schon einmal versucht, aus Ittens Primärfarben (=Grundfarben) Gelb, Rot und Blau ausgewogene Sekundärfarben zu mischen und bist gescheitert? Leichter geht es mit den Grundfarben der subtraktiven Farbmischung Gelb, Cyan und Magenta, weshalb diese hier als Beispiel gewählt wurden.

Unterschiedliche Komplementärfarben

Magenta ist im Regenbogen nicht enthalten, ergibt sich jedoch, wenn sich die Enden des Spektrums (rotes und blaues Licht) „überlagern“. Der Farbkreis, den ihr hier seht, unterscheidet auch zwischen Cyan und Blau-Grün =Türkis. Damit eine gerade Zahl erhalten bleibt (sonst wird es schwierig mit den Farbpaaren), wurde Rot-Orange geopfert, da der empfundene Abstand von Orange zu Rotorange geringer ist, als der zwischen Cyan und Blaugrün (wir Menschen sind im Grünbereich am empfindlichsten).

Farbsysteme für den professionellen Einsatzbereich basieren auf komplexeren Farbkreisen. Das im deutschsprachigen Raum unter Designern und Architekten geläufige RAL-Designsystem gibt Farben in 39 mathematisch korrekten Gradabstufungen an. Das NCS (Natural Colour System) beruht auf menschlichen Erfahrungswerten und arbeitet entsprechend mit 40 Feinabstufungen. Es lässt sich also zusammenfassen, dass unterschiedliche Farbkreise auf unterschiedlichen Grundfarben basieren und es somit unterschiedliche Auffassungen zu Komplementärfarben gibt. Das ist jedoch nicht so dramatisch, da auch den komplementären Tönen ähnliche Farben großartige Kontraste ergeben.

 

Beinah-Komplementär-Farbharmonie

Entgegen der landläufigen Meinung ergeben Farben, die sich im Farbkreis nur beinahe gegenüberliegen den stärksten Kontrast (wenn wir Schwarz-Weiß und Neonfarben einmal ausklammern). Probier´ es einfach aus. Setze statt einem (neutral-)violetten einen rot-violetten oder blau-violetten Farbklecks neben einen gelben und schau, welche Farbkombination mehr leuchtet. Nachdem du weißt, dass sich zwei komplementäre Farben durch Mischen auslöschen, das heißt vergrauen, ist es wenig überraschend, dass der Beinah-Komplementär-Kontrast effektvoller ist, wenn dir gerade nicht nach Harmonie pur zumute ist. Das ist der Kontrast für alle, die es farblich spannend mögen!4

 

Split-Komplementär-Farbharmonie

Setzt du beide möglichen Beinah-Komplementär-Farben deiner Ausgangsfarbe gegenüber, schaffst du die Basis für eine Split-Komplementär-Farbharmonie. Alle drei Farben harmonieren wunderbar zusammen. In ihrer Reinform strahlt der Dreiklang etwas fröhlich Lebendiges aus, ohne auffallend bunt zu wirken, da zumindest zwei der drei Farben im Farbkreis nahe beieinander liegen. Versuch es doch einmal, eine der beiden pastellig aufzuhellen und die andere mit Grau oder Schwarz abzudunkeln. Als Akzentfarbe nimmst du einfach deine Ausgangsfarbe. Voilà, fertig ist das Farbrezept!

 

Komplementärpaar-Farbharmonie

Zwei Komplementärfarbenpaare funktionieren einfach so gut wie immer miteinander. Diese Farbkombination hat Tiefe, wirkt raffiniert und ausgeklügelt, obwohl sie wirklich besonders leicht gelingt. Hier könnt ihr nach Lust und Laune sehr unterschiedliche Stimmungen erzeugen. Vier Pastellvarianten werden fein nuanciert anmuten, zwei Volltonpaare energetisierend, jedoch nicht schreiend, da sie sich gegenseitig stabilisieren. Interessant sind Ausmischungen unterschiedlicher Helligkeitsstufen. Zum Beispiel Ockergelb (abgedunkeltes Gelb), Gelborange (als reine Akzentfarbe), Aubergine (abgedunkeltes Violett) und Lavendelgrau (grau verhülltes Blauviolett).

Monochrome Farbharmonie

Gleich und gleich gesellt sich gern. Monochrome Gestaltungen basieren streng genommen auf einer einzigen Farbe. In der Praxis werden häufig auch Schwarz, Weiß, Grau, Metallic- und Naturtöne in dieses Konzept aufgenommen und man nennt es immer noch monochrom. Diese Farbkombinationen sind ein Selbstläufer, ein No-Brainer, wie es meine englischsprachigen Farbberater-Kolleg/inn/en nennen würden. Es gibt keine Farbe, deren unterschiedliche Ausmischungen nach hell und dunkel nicht harmonisch kombinierbar wären. Besonders zeitlose Farbkombinationen von Creme über Beige bis Braun oder klassisches Weiß-Grau-Schwarz entziehen sich sämtlichen Modeströmungen. Damit monochrome Farbschemata nicht langweilig werden, empfiehlt sich das Spiel mit Texturen und Glanzgraden.5

 

Analoge Farbharmonie

Analoge Farbkonzepte basieren meist auf zwei bis vier im Farbkreis beliebig aneinander grenzenden Farben. Im allgemeinen Sprachgebrauch spricht man dabei häufig von verwandten Farben. Diese Farbkonzepte sind nuancierter als monochrome, da mehr Farben verwendet werden, allerdings strahlen auch analoge Farbschemata eine gewisse Ruhe aus, da den verwendeten Farben eine gewisse Ähnlichkeit zugeschrieben werden kann. Viele natürliche Phänomene können als Studienobjekt für analoge Farbkonzepte herangezogen werden. Beobachtet man beispielsweise eine gewellte Wasseroberfläche, wird man eine Unzahl an Schattierungen zwischen Blau, Türkis und Grün in klarer, gleißend weißlicher oder gräulich verschatteter Form erkennen. Ein rötlich-pink-orange-gelb-goldener Sonnenuntergang wirkt dramatisch. Ein solches Wohnraumfarbkonzept ist nur für Menschen geeignet, die intensive Farben auf Dauer als angenehm empfinden. Wer es ruhiger mag, setzt dazwischen einfach großzügige Uniflächen in Off-White und Naturtönen. Reines Weiß würde die Leuchtkraft kräftiger Farben nur verstärken.

 

Dreiecks-Farbharmonie

Drei Farben,die im Farbkreis gleichabständig voneinander entfernt liegen, werden als Triade bezeichnet. Diesen Dreiklängen ist immer eine gewisse Dynamik und anregende Spannung inne, sogar wenn sie als Pastelltöne auf einander treffen. Vergraute triadische Konzepte wirken häufig ruhig, ohne langweilig zu erscheinen. Dreiecks-Farbschemata gelingen relativ einfach und werden entsprechend häufig eingesetzt.

 

Quadrat-Farbharmonie

Etwas schwieriger ist der Umgang mit vier Farben mit dem selben Abstand im Farbkreis. In konzentrierter Farbigkeit muten diese Konzepte besonders bunt an. Das kann gewollt sein, wenn beispielsweise eine Kleinkind förderliche Atmosphäre geplant ist (ganz kleine Kinder können fein nuancierte Farbabstufungen noch nicht erkennen) oder ein sportlicher, ausgelassener oder fröhlich beschwingter Eindruck erzeugt werden soll. Wird der Vierklang mit Grau-, Weiß-, oder Schwarzabtönungen gebrochen, können sehr ausgewogene Farbkonzepte entstehen, da von jedem Kreissektor ein farbiger Stellvertreter integriert wird.

 

Rechtecks-Farbharmonie

Der Rechtecks-Vierklang wird aus zwei Komplementärpaaren gebildet, zwischen denen jeweils das zwischenliegende Komplementärpaar übersprungen wird. Dieses Farbkonzept findet sich nicht ganz so häufig in der Innenraumgestaltung. Wer etwas Außergewöhnliches sucht und dennoch nicht zu viel Risiko eingehen will, kann hier aus dem Vollen schöpfen. Werden alle Töne in unterschiedlichen Helligkeits– und Sättigungsstufen angeboten, ergeben sich besonders interessante Konzepte. Da kann dann auch mal etwas weniger Textur eingesetzt werden, ohne dass es gewöhnlich wirkt.

Welche Farbharmonie gefällt dir am besten? Hast du  Lust bekommen, einmal etwas anderes als den Komplementär-Kontrast auszuprobieren?

 

Fundiertes Wissen über Farbharmonien ist essenziell für fast jede Gestaltung. Es lohnt sich mehr darüber zu lesen. Ich empfehle:

Albers, Josef: Interaction of Color, Grundlegung einer Didaktik des Sehens,  DuMont Verlag, Köln, 1997
1 Goethe, Johann Wolfgang von; ausgew. u. erl. von Matthaei, Rupprecht: Goethes Farbenlehre, Maier, Ravensburg, 1988, S. 83ff.
2 Wick, Kurt; Wick, Rainer:  Form und Farbe, Lehr- und Arbeitsbuch für angewandtes Gestalten, Dümmlers Verlag, Bonn, 1975, S. 16ff.
3 Itten, Johannes:  Kunst der Farbe, Studienausgabe, Ravensburger Buchverlag Otto Maier, Ravensburg, 1987, S.30 ff.
4 Nimér, Per; Leus, Marko: Mach´s bunt, Uitgeverij Lannoo, Tielt, 2005, S. 36
5 Oliver, David: Farbe und Raum, Das Handbuch für effektvolle Farbwirkung, DVA, München, 2008, S. 116ff.
6 Oliver, David: Farbe und Raum, Das Handbuch für effektvolle Farbwirkung, DVA, München, 2008, S. 122ff.

Alina Schartner

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