Raum für Atmosphäre

Manchmal ist weniger einfach mehr. Wie viele Dinge hortest du in deiner Wohnung, die ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllen oder dir eigentlich nicht (mehr) gefallen? Die du geschenkt bekommen hast, und wenn du ehrlich bist, nur deshalb präsentierst, um anderen eine Freude zu machen? Und wie viele Dinge beanspruchst du für dein Wohlbefinden in der Wohnung verstreuen zu dürfen, obwohl du weißt, dass sie dein/e Mitbewohner/in nicht ausstehen können?

Möbel umgestalten statt wegwerfen

Nicht immer können wir alles neu kaufen. Manchmal reicht schon ein neuer Anstrich, und aus einem ungeliebten Möbel wird ein neues Schmuckstück.1 Auch (farbige) Folien, Stoffbespannungen, das Aufkleben von Tapetenresten oder ähnliches können mit wenig Aufwand unheimlich viel bewirken. Ich liebe es auch, Griffe zu tauschen. Das kostet nicht viel, und ein paar farbige Knöpfe können aus einer langweiligen Kommode einen Blickfang machen.

Außerdem gibt es für viele gängige Sofamodelle auch vorgefertigte Bezüge. Einige Online-Unternehmen haben sich darauf spezialisiert, Hussen zu fertigen. Schau mal nach „Pimp my sofa“ oder „Sofabezüge neu“. Und wenn gar nichts hilft, für einen lässig entspannten Look kannst du einfach auch einen anders farbigen Sofaüberwurf in Erwägung ziehen. Die gibt es auch nicht nur in altbacken…

Und hast du es schon mal mit Masking Tape versucht? Du bekommst die leicht wieder abziehbaren Klebebänder in unterschiedlichen Breiten und fast allen erdenklichen Farben. Sie eignen sich hervorragend, um Konturen zu betonen, aber auch für großflächigere Anwendung, wenn du ein bisschen Geduld mitbringst. Dann wirst du aber für wenig finanziellen Einsatz mit einer großen Dosis Individualität belohnt werden.2 (Lies doch einfach mal mein Interview mit Masking Tape).

Textilien färben verändert die Raumstimmung

Hast du schon einmal daran gedacht, dass du deine Vorhänge, Kissenbezüge oder Tischdecken vielleicht auch färben könntest? Sobald mindestens 50% Naturfaseranteil in den Geweben enthalten ist, kannst du sie relativ leicht und kostengünstig in der Waschmaschine färben. Schau einfach mal in deiner nächsten Drogerie oder im Bastelbedarfsladen nach Textilfarbe. Dort findest du meist schon ein wenig Auswahl. Die dort vertretenen Hersteller bieten jedoch alle deutlich mehr Farben an, die du einfach online bestellen kannst. Aber auch mit natürlichen Farbstoffen lassen sich Textilien färben. Rote Beete, Zwiebelschalen oder Karotte zaubern herrliche Schattierungen.3

Es ist keine Voraussetzung, dass die Textilien weiß oder sehr hell sind. Bei schwarzen oder sehr dunklen Stoffen wirst du zwar keinen nennenswerten Effekt erzielen, aber bei sehr vielen mittleren und fast allen hellen Tönen sind sehr interessante Mischungen möglich. Das gleiche ist selbstverständlich auch bei ungeliebten Kleidungsstücken eine gute Option. Einige Textilfarbhersteller bieten auch eine Art Färbe-Ergebnis-Kalkulator an. Das Ergebnis ist zwar nicht verbindlich, da alle Stoffe unterschiedlich reagieren und die Farben auch auf deinem Bildschirm anders wirken, aber eine Grundtendenz lässt sich erkennen. Wenn du dich für eine Farbe entschieden hast, könntest du auch nach Färbetechniken schauen. Online gibt es wunderbare Inspiration. Wirf mal mit Suchbegriffen wie Dip-Dye, Batik, Shibori (japanische Färbetechnik), Stempeldruck, Schablonendruck etc. um dich und schau, was dir gefällt.

Defektes reparieren oder wirklich entsorgen

Es ist ja löblich, sich vorzunehmen, etwas zu reparieren und insgesamt wird vielleicht auch zu viel unbedacht entsorgt. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass du dir wirklich einige You-Tube-Tutorials anschaust, um deinen defekten Toaster zu reparieren? Vielleicht schaffst du es ja auch tatsächlich einmal ins Repair-Café, aber spätestens, wenn du dir schon einen neuen Toaster gekauft hast, wird es fraglich, weshalb du den alten, defekten immer noch aufhebst. Wie viele defekte Toaster-Äquivalente sammeln sich bei dir?4

Ausmisten schafft Raum zum Atmen

Hast du nicht auch irgendwo eine Schublade gefüllt mit mehr oder weniger leeren Kugelschreibern? Bestimmt geht es dir wie mir, dass du auch immer zuerst die leeren Kugelschreiber erwischst, wenn du wirklich dringend etwas notieren musst, während du dein Handy zwischen Backe und Schulter klemmst? Auch wenn ich regelmäßig ausmiste, manche Kleinigkeiten schleichen sich immer wieder ein. Wie konsequent bist du? Worauf warten wir mit den ganzen Pfandflaschen? Die einfache Wahrheit ist, es gibt ihn nicht den Tag, an dem wir gerne zum Recyclinghof pilgern, dennoch lohnt sich die Mühe.5

Es kann auch befreiend sein, alte Zeitschriften zu entsorgen. Ja, ich weiß, du hast sie auch nicht komplett gelesen, aber wer kann das schon regelmäßig? Da höre ich es flüstern, dass ich diesen einen Artikel aber wirklich noch lesen will, und schwupps wird die Seite raus gerissen und auf den Stapel mit den Artikeln, die ich wirklich noch lesen will, gelegt, die Zeitschrift zum Altpapiercontainer gebracht und der Artikel in den meisten Fällen ungelesen viel später hinterher getragen. Und was, wenn die Zeitschriften später einmal Sammlerwert erhalten? Da mag ja was dran sein, aber dann könnte man sie vielleicht archivieren und nicht im Wohnzimmer oder der Toilette unmotiviert stapeln lassen…6

Geschenke erhalten die Freundschaft

Das Gegenteil von gut ist manchmal gut gemeint. Ich wette mit dir, dass du auch an vielen Dingen festhältst, weil du sie von jemandem geschenkt bekommen hast, oder? In dieser Situation empfehle ich, sich bewusst zu machen, dass du auch keine Freude daran hättest, wenn jemand etwas von dir in seiner Wohnung ausstellen muss, das ihm in Wirklichkeit nicht zusagt. Sich aus falscher Höflichkeit mit Dingen zu umgeben, die einem nicht gefallen, ist vermutlich genauso suboptimal, wie alles einfach verschwinden zu lassen. Wie wäre ein „Hey, es war wirklich aufmerksam von dir, dass du mir diese handbemalte Maske aus Venedig mitgebracht hast. Ich brauch momentan aber ein bisschen Veränderung. Ist es okay, wenn ich sie in meiner Erinnerungskiste aufbewahre, oder hättest du jetzt eine Freude damit?“ Ganz häufig verschenken wir auch Dinge, die uns vor allem selbst farblich ansprechen. Kennst du wirklich die aktuellen (!) Lieblingsfarben deiner Freunde?

Fotos, Postkarten und Co. ausmisten

Ich bin Anfang Dreißig. Da ist es wenig erstaunlich, dass in regelmäßigen Abständen Fotos von der Hochzeit oder der Geburt der Kinder meiner Bekannten eintrudeln. Ich hätte auch einige Taufkarten im Angebot. Das soll jetzt nicht boshaft klingen, ich freue mich darüber, dass sich jemand so sehr über ein Ereignis freut, dass er mir dazu extra eine teilweise farblich und grafisch liebevoll gestaltete, handgeschriebene Karte schickt, um mich gewissermaßen am Glück teilhaben zu lassen.

Aber jetzt mal ehrlich, diese Dinge kurz aufzustellen, muss doch genug sein. Es kann niemand von euch erwarten, dass ihr eure Kühlschranktür fast nicht mehr öffnen könnt, weil sie so schwer mit postalischen Grüßen behangen ist, wenn ihr das nicht wirklich wollt. Das heißt jetzt nicht, dass ich keine Karten bekommen will, aber ich bitte meine Mitmenschen zu verstehen, dass es für mich Karten sind, nicht Meilensteine, die mein Leben so massiv verändern, dass sie deshalb in meiner Wohnung musealen Stellenwert erhalten müssen. Macht was ihr wollt, falls ihr jemals eine Karte von mir bekommen solltet!

Die Mitmenschen von Atmosphäre-Killern verschonen

Es ist nicht ganz einfach, sich einzugestehen, dass man selbst die Mitmenschen auch des öfteren mit ungeliebten Dingen belastet. Hast du nicht auch schon einmal geschmollt oder nachgehakt, weil du etwas verschenkt hast, das dein Gegenüber ganz plötzlich nicht mehr finden kann? Muss wirklich die Freundschaft daran zerbrechen, dass jemand nicht ein 100 x 50cm Poster mit euch beiden aufhängen will?

Atmosphärische Dekoration

Noch schwerer gelingt die Einsicht häufig, wenn wir mit Menschen direkt zusammen wohnen. Es ist schon ein Fünkchen Wahrheit am Klischee, dass sich einige Männer von den Massen an Zierkissen ihrer Lebensgefährtinnen ertränkt fühlen. Nicht erst einmal habe ich erleb,t wie beleidigt sich die ein oder andere Vieldekoriererin gefühlt hat, wenn ihr Herzallerliebster sich nicht mal bemüht, so zu tun, als ob er sich für die neueste Errungenschaft der Polsterparade begeistern würde. Da fallen oft tief enttäuschte bis bitterböse Blicke. Ich spreche in dem Punkt natürlich von meiner Erlebnissen und will nicht alle Frauen und Männer über einen Kamm scheren. Dennoch lag dieses Szenario an der Tagesordnung, als ich als Visual Merchandiserin in einem Laden für Wohnaccessoires gearbeitet habe (egal ob es sich um hetero- oder homosexuelle Paare gehandelt hat).

Empathie ist die Basis für eine gute Atmosphäre

Noch deutlicher wurde dieses gängige Ungleichgewicht, als mir wiederholt in Wohnberatungen geschildert wurde, dass „er/sie sich nicht so anstellen soll“. Liebe Herzbluteinrichter/innen, es soll nicht erst einmal vorgekommen sein, dass sich der ein oder andere mit einer riesengroßen Fahne des nicht mal sooo heißblütig verehrten Fußballvereins am Balkon gerächt hat. Ich gebe euch Recht, dass das für die meisten, die diesen Artikel lesen, nicht der stimmungsvollste Anblick sein wird. Kompromisse zu schließen, halte ich dennoch für unumgänglich.

Die Wünsche des Gegenübers ernst zu nehmen, sorgt für gute Stimmung

In den meisten Fällen meint es der/die Partner/in ernst, wenn er/sie sagt, dass ihm/ihr die Deko einfach zu viel ist. Vielleicht wäre Balkonien zu retten, wenn auch im Wohnungsinneren alle Meinungen geachtet werden? Es gibt so viele Einrichtungsstile, und meiner Erfahrung nach immer eine Lösung, wenn beide Seiten einen Schritt aufeinander zu gehen. Manchmal können schon Kleinigkeiten den Haussegen wieder gerade richten.

Kompromisse schließen schafft Atmosphäre

Ein Mann sagte mir einmal in einer Farbberatung, er fühle sich unwohl bei den ganzen Paarfotos, die seine Frau im Wohnzimmer versammelt hatte. Seine Frau empfand das als Abweisung und unterstellte ihm, dass er sich für sie schämen würde. Dabei war er es, der ihr das Fotoshooting zu Weihnachten geschenkt hatte, weil er wusste, dass sie damit eine Freude haben würde. Er hatte kein Problem damit, sich im Partnerlook mit kitschigen Pullovern ablichten zu lassen, hätte sich nur einfach gewünscht, dass diese Fotos nicht plakativ neben dem Esstisch hängen (ursprünglich wurde ich für ein Farbkonzept für den Wohn- und Essbereich gebucht). Ein einfacher Kompromiss war das Umhängen der Bilder ins Schlafzimmer. Da stand im Übrigen auch schon ein älteres Foto seiner Frau an seinem Nachtkästchen, das er schon gehegt hatte, bevor die beiden zusammen gezogen waren. Bei der Farbwahl für den Wohnbereich ging dann alles problemlos. Happily ever after braucht manchmal eben Real-Life-Abgleich.

Wie sieht es bei euch aus? Müsst ihr euch nur mit Dingen rumschlagen, die euch unliebsam geworden sind? Oder steht eigentlich ein Kompromissfindungsdialog an, wenn ihr ehrlich seid?

 

Lust mehr zu lesen? Hier ein paar Vorschläge meinerseits:

1 Neß, Ilex: Farbe! Das große Farbwohnbuch, Callwey, München, 2009, S. 146ff.
2 http://www.mt-maskingtape.com/main/pages/index/p/6/167/page/3 [01.07.2017]
3 Frame Publishers: Colour hunting, How Colour Influences What We Buy, Make and Feel, Frame, Frame Publishers, Amsterdam, 2011, S. 164
4 Fröhling, Thomas; Martin, Katrin: Feng Shui heute, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2000, S. 228f.
5 O.V.: 50 Insights, Die Zukunft des Wohnens, Zukunftsinstitut, Frankfurt, 2017, S.77
6 Kondo, Marie: The Life-Changing Magic of Tidying, A simple, effective way to banish clutter forever, Vermilion, London, 2011 S. 22ff.

Tipp: Marie Kondos Bestseller gibt es auch auf Deutsch und mittlerweile schon ein Fortsetzungsbuch. (Ich habe beide Bücher allerdings nur auszugsweise überflogen – sind auf meiner imaginären To-Read-Liste)…

Kondo, Marie: Magic Cleaning, Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert, Rowolt, 2013
Kondo, Marie: Magic Cleaning 2, Wie Wohnung und Seele aufgeräumt bleiben, Rowolt, 2014

 

 

Alina Schartner

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