Farbwirkung: Gelb_Ocker_ Sand_Oliv

Gelb und seine nahen Verwandten Ocker, Sand und Oliv ergeben eine facettenreiche Farbfamilie. Wenn Menschen zu Assoziationen zur Farbe Gelb gefragt werden, dann fallen meistens Begriffe wie Sonne und Licht, aber auch Neid und Egoismus.1 Schon hier wird deutlich, dass Gelb sowohl mit positiven als auch negativen Eigenschaften in Verbindung gebracht wird.2 Hier findest du Tipps und Tricks, wie du das richtige Gelb für dich und deine Räume findest.

Primärfarbe Gelb

Gelb ist eine Primärfarbe (=Grundfarbe) der subtraktiven Farbmischung (wenn ihr Farben im Farbkasten mischt zum Beispiel). In den meisten Sprachen ist Gelb eins der ersten Farbwörter, das Kinder lernen und aktiv im Sprachgebrauch verwenden. In der additiven Farbmischung (Lichtfarben) tritt Gelb durch das Mischen von Rot und Grün auf, weshalb sie in diesem Fall als eine Sekundärfarbe bezeichnet wird.

Gelb und das Licht

Schon Johann Wolfgang von Goethe räumte Gelb einen besonderen Stellenwert ein. Gelb stellte für ihn mit seiner Komplementärfarbe Violett (als Rotblau von Goethe betitelt) symbolisch die Hell-Dunkel-Achse dar. Er ordnete Gelb dem Licht und Rotblau der Finsternis zu. In seinem Farbkreis notiert Goethe zu Gelb „Verstand“ und „gut“. Wenig überraschend schreibt er, dass Gelb der „Plusseite“ zustrebe. Gemeint ist damit, dass Gelb starkes Licht braucht, um als angenehm wahrgenommen zu werden.3

Gelb und der Schatten

Von allen Farben reagiert Gelb am empfindlichsten auf Verschattung. Deshalb wirken gelbe Raufasertapeten, grober Putz oder strukturierte Oberflächen wie Filz oder Leinen bisweilen staubig gräulich. Wenn Gelb nicht gut beleuchtet wird, verändert sich seine Wirkung dramatisch. Ohne geeignete Beleuchtung gibt es kein strahlendes „schönes“ Gelb. Mit der guten alten Glühbirne beschienen, leuchtet Gelb betont. Energiesparlampen lassen manche Gelbtöne stumpf oder schmutzig wirken. LEDs bieten hier oft eine geeignete Abhilfe. Grundsätzlich gilt, wer Gelb wärmer wirken lassen möchte, sollte zu warmtonigem Licht greifen.

Gelb und die Himmelsrichtung

Besondere Vorsicht ist auch bei Räumen mit Nordausrichtung geboten. Das leicht bläuliche Licht verändert die Wirkung gelber Farben stark. Sie wirken im Nordlicht grünlich und deutlich kälter. Eine warme, sonnige Stimmung kannst du mit Gelb am ehesten in südlich bis westlich ausgerichteten Räumen erzielen.

Klischees in Gelb

In allen Kulturen ist Gelb ein Symbol für die Sonne. Häufig ist in Einrichtungsratgebern zu lesen, dass sich mit Gelb eine sonnige, heitere, warme Atmosphäre zaubern lässt. Diese Aussage muss allerdings genauer reflektiert werden. Bei Gelb scheiden sich die Geister und auch in Fachliteratur finden sich zu Gelb diametral gegenüberliegende Vorschläge. Die einen Experten raten von Gelb in düsteren Räumen ab, wieder andere schreiben, dass Gelb das Licht einfängt und somit besonders wohltuend wäre, bei Räumen, in denen es an Licht mangelt.

Gelb und die Sonne

Wieder andere halten Gelb in sonnigen Räumen für übertrieben. Hier spielen vor allem persönliche Vorlieben und kulturelle Prägungen eine entscheidende Rolle.4 Leuchtendes Gelb, das im Urlaub betört, verstört in den eigenen vier Wänden meiner Meinung nach vor allem deshalb, wenn nicht für ausreichende Beleuchtung gesorgt wird.

Nun bin ich ein Mensch der Farben liebt, die lauten wie die leisen. Schon alleine deshalb ist es wichtig, dass du dich bei allen Ratschlägen immer fragt, von wem sie kommen. Tickst du ähnlich wie der Mensch, auf dessen Rat du etwas hältst? Ist es ein „neutraler“ Berater? (Zeit für Ehrlichkeit: Obwohl ich mein Bestes gebe, sind subjektive Färbungen auch bei meinen Tipps nicht komplett auszuschließen). Was dem einen zu viel ist, ist für andere erst der Anfang. Zu bedenken möchte ich allerdings geben, dass im deutschsprachigen Raum die Lichtqualität eine gänzlich andere ist, als in der Toskana oder den Tropen. Ich wage es zu bezweifeln, dass der Großteil der Menschen, die diesen Artikel lesen, die meiste Zeit des Jahres mit gleißendem Sonnenschein verwöhnt werden.

Meine Meinung zu Gelb ist die Folgende (wenn wir über Gelb als großflächig eingesetzte Farbe in einem durchschnittlichen Raum nördlich der Alpen sprechen): Wenn wir versuchen, einen dunklen Raum durch Gelb sonniger zu gestalten, ist unser Vorhaben von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Die Wirkung wird nicht sommerlich beschwingt, sondern enttäuschend sein.

Das Gelb-Experiment

Ich bin deshalb so überzeugt davon, weil ich es auch nicht wahrhaben wollte und ein Experiment angestellt habe. Obwohl mir die physikalischen Grundgesetze bezüglich Farben klar waren, habe ich es dennoch versucht, eine schattige Wand meiner Wohnung in einem satten Vanillegelb zu streichen. Ich hatte den Schreibtisch dort hin verfrachtet, plötzlich das Bedürfnis nach Gelb und etwas Wandfarbe in diesem Ton über.

In genau diesem Ton hatte ich die Stirnwand der Küche meiner ersten Wohnung in Wien gestrichen, um den schlauchigen Raum optisch etwas zu verkürzen. Ich habe es geliebt, morgens vor dieser Wand sitzend zu frühstücken. Es war motivierend und appetitanregend  (Frühstück= die wichtigste Mahlzeit des Tages für mich). Den Farbton mochte ich so sehr, dass ich ein paar Jahre später nochmal die ganze Küche meiner Münchener Wohnung damit strich, weil mir der Raum zu groß erschien. In beiden Fällen hab ich mich super wohl gefühlt, allerdings waren diese Räume im Gegensatz zu meinem derzeitigen Raum hell und sonnig.

Was soll ich sagen? Nach ein paar Tagen habe ich den Schreibtisch wieder umgestellt und die raumhohen Bücherregale vor die gelbe Wand geschoben. Eine Schande, ich gebe es zu! Aber immerhin war ich so gezwungen, einen besseren Ort für meinen Schreibtisch zu finden. Jetzt sitze ich am Licht auf einem leuchtend gelben Stuhl…

Ocker und Sand – erdiges Gelb

Häufig erreicht man mit Ocker viel eher das, was man sich von Gelb erhofft. Wenn in einem Raum nicht ausreichend gutes Licht vorhanden ist, kann Ocker oft eine hervorragende Alternative sein. Natürliche Ockertöne gehören zu den ältesten Pigmenten, die Menschen kennen. Schon in Höhlenmalereien finden sich Belege für den gezielten Einsatz dieser eisenhaltigen Erden zu dekorativen Zwecken. Die Farbpalette umfasst helle, leichte Sandtöne bis hin zu dunklen, herbstlich satten Tönen. Vereinfacht gesprochen entstehen Ockertöne aus Mischungen gelblicher, rötlicher und gräulicher Pigmente in unterschiedlichen Zusammensetzungen (genau genommen finden sich häufig noch andere Pigmente in natürlichen Ockern). Der enthaltene Grauanteil ist es, der Ockertöne wesentlich lichtstabiler macht als Gelb. Ocker lässt auch verschattete Flächen und grobe Strukturen warm und behaglich wirken.5

Oliv – warmes Grüngelb

Mischt man Gelb mit Grau entstehen Olivtöne. Der hohe Farbanteil lässt Oliv meist stärker auf wechselnde Lichtbedingungen reagieren als Ocker und Sandtöne. Im Verlauf des Tages bewegt sich die Wirkung von Olivgrün zwischen leuchtendem Gelb mit Grünstich zu kräftigem Gelbgrün. Werden Olivtöne mit Weiß aufgehellt, dann ergeben sich häufig angenehme, zurückhaltende Töne, die unter den meisten Lichtbedingungen ruhig und natürlich wirken.6

Ist Gelb warm?

Jein. Ja, es gibt warme Gelbtöne und ja, es gibt auch kühle Gelbtöne. Und wer hätte es gedacht, es gibt auch neutrale Gelbtöne.7 In diesem Punkt wird mir sicher nicht jeder Farbberater Recht geben. Ich will dir allerdings erklären, weshalb ich dennoch diese Meinung vertrete.

Zuerst müssen wir einmal definieren, was warme und kalte Farben sind. Bestimmt kennst du Darstellungen eines Farbkreises. Traditionellerweise werden die Farben von Gelb bis  Rotviolett als warme Farben über den Kamm geschert. Klassisch werden alle Farben von Violett bis Grün als kalte Farben zusammengefasst.

Das ist so nicht richtig. Es gibt von fast allen Farbtönen warme, neutrale und kühle Nuancen. (Magenta ist aber beispielsweise immer kühl, genauso gibt es nur warme Orangetöne.) Verständlicher wird das Ganze, wenn wir uns bewusst machen, dass ein Farbkreis nur ein Gedankenmodell ist, eine Gedankenstütze, ein Symbol für alle Farben dieser Welt. Letztendlich kann ein Farbkreis nur wenige Farben abbilden. Die Wissenschaft streitet sich seit gut zweihundert Jahren, mit welchem Modell – in welchem Farbraum – Farben am besten geordnet und dargestellt werden können. Ich bezweifle, dass hier eine für alle Bereiche übertragbare Lösung gefunden wird. Bisher hat jeder Farbraum, mit dem ich mich auseinander gesetzt habe, Stärken und Schwächen. Trotzdem sind geordnete Farbräume (Farbsysteme) wichtig für die verbindliche Kommunikation über Farbe.8

Woran erkenne ich, ob ein Gelb warm, neutral oder kühl ist?

WARMES GELB = Gelb mit Rotanteil (zB Sonnenblumengelb)
NEUTRALES GELB = Gelb weder zu rötlich, noch zu bläulich, muss zwingend leicht gräulich sein (zB helles, leicht vergrautes Chrysanthemengelb)
KÜHLES =Gelb mit Blauanteil (zB Schlüsselblumengelb)

Achtung! Auch das als Reingelb bezeichnete Gelb wirkt kühl!

Gelb strahlt

Gelb strahlt, aber nur, wenn es direkt angestrahlt wird. Gelbe Flächen treten nach vorne. Das bedeutet, dass gelbe Farben optisch den Raum verkleinern, was nicht unbedingt negativ zu beurteilen ist. Vielleicht fühlt es sich dadurch für dich etwas geborgener an? Was ist für dich wichtiger: Dass die Wand von dir wegrückt und der Raum möglichst luftig anmutet? Soll die Farbe dich anregen oder möchtest du das Gefühl haben angenehm umarmt oder in Sonne gebadet zu werden? Mit welchem Gelb fühlst du dich wohl?

Gelbe Kleidung

Auf Kleidung bezogen bedeutet das, dass wir in Gelb nicht unbedingt schlanker wirken. Doch auch das muss kein Nachteil sein. Zu Unrecht wird die Farbe oft pauschal abgelehnt mit der Aussage „Gelb macht dick!“. Zugegebener Maßen braucht es für Gelb ein bisschen Fingerspitzengefühl. Gekonnt kombiniert kann Gelb jedoch, wie jede andere Farbe auch, Proportionen ausgleichen. Wer findet, dass seine Beine, seine Hüften oder der Po etwas rundlicher wirken könnten, der ist mit einer gelben (gut sitzenden!) Hose bestens beraten. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass ein für den persönlichen Geschmack zu ausladender Unterkörper oder zu schmächtiger Oberkörper mit einem gelben Oberteil visuell ausgeglichen werden kann.

Besonders wichtig ist hier jedoch der passende Farbton. Gelb ist für viele Mitteleuropäer nicht die vorteilhafteste Farbe. Hier gilt als Faustregel, kühle Farbtypen sollten kühles Gelb tragen (zB Reingelb, Zitronengelb, Schlüsselblumengelb), warme Farbtypen wirken auch nur mit warmen Gelbtönen harmonisch (zB Goldgelb, Maisgelb, Senfgelb).

Senfgelb verkauft sich gut – schmeichelt aber den wenigsten Farbtypen

Wobei Senfgelb auch nur wenigen warmen Farbtypen steht. Diese Farbe ist ein Phänomen. Jeden Herbst kommt sie in die Schaufenster (nennt sich dann oft Mustard, weil englische Farbbezeichnungen häufig beliebter sind) und findet guten Absatz. Dennoch bleiben die meisten senfgelben Kleidungsstücke ungetragen. Weshalb, kannst du dir vermutlich selbst erschließen.9

Mach den Senfgelb-Test: Stell dich mit einem senfgelben Oberteil ungeschminkt an einen Spiegel bei Tageslicht. Du wirst entweder großartig aussehen oder gelinde gesprochen suboptimal (zweites trifft auf über 95% der Weltbevölkerung zu by the way). Dazwischen gibt es bei Senfgelb wenig. Ich liebe Senfgelb, wirkte damit allerdings abgeschlagen, ausgezehrt und kränklich. Weil die Farbe mir allerdings Freude bereitet, integriere ich sie ab und zu anders in meinem Alltag – mit Kissen, Kerzen, Servietten etc.

Gelb ist zu unrecht unbeliebt

Wahrscheinlich ist es ist dir auch schon aufgefallen, dass leuchtendes Gelb eine der unbeliebtesten Kleidungsfarben ist. Wie stehst du zu gelber Kleidung oder zu gelben Accessoires? Vielleicht ist Gelb ja nicht im All-Over-Look dein Favorit, aber es wirkt oft besonders gut in Mustern. Wenn du darauf achtest, dass dir die Hauptfarben des Musters stehen, dann kannst du mit gutem Gefühl auch zu darin enthaltenen Gelbtönen greifen, die nicht deinem Farbtyp entsprechen. Kleiner Tipp, für Harmonieliebhaber/innen: Achte darauf, dass Farben, die dir nicht stehen, maximal 25% des Musters in Gesichtsnähe ausmachen.

Welches Gelb macht dich glücklich?

Es lässt sich also zusammenfassen. Wenn wir über Gelb sprechen, ist es essenziell zu klären, über welche Art von Gelb wir sprechen. Ein Zitronengelb erzeugt eine völlig andere Atmosphäre als ein Sonnengelb oder Senfgelb. Gelb ist ambivalent. Gelb ist aufregend. Gelb ist besonders. Gelb ist befreiend. Gelb stimuliert den Geist, die Kommunikation und macht das Leben oft schon in kleinen Dosen deutlich fröhlicher.

Welches Gelb liebst du? Trägst du gelbe Kleidung?

Wenn du dich näher mit der Farbwirkung von Gelb auseinander setzen möchtest, könntest du u.a. in diesen Büchern Erleuchtung finden:

1 Heller, Eva: Wie Farben wirken, Farbpsychologie, Farbsymbolik, kreative Farbgestaltung, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 127ff.
2 Jarman, Derek: Chroma, Ein Buch der Farben,Merve Verlag, Berlin, 1995, S. 115ff.
3 Goethe, Johann Wolfgang von; ausgew. u. erl. von Matthaei, Rupprecht: Goethes Farbenlehre, Maier, Ravensburg, 1988, S. 158ff.

4 Zimmer, Juliane; Zuber, Anne: Schöner Wohnen, Das große Wohnbuch, Callwey, München, 2014, S. 62ff.
5 Vollmar, Klausbernd: Das große Buch der Farben, Könisfurt-Urania Verlag, Krummwisch, 2010, S.23ff.

6 Trautwein, Kathrin: 225 Farben, Eine Auswahl für Architekten, Denkmalpfleger und Gestalter, Birkhäuser, Basel, 2017, S.173
7 Conran, Terence: Farbe, Das Wichtigste, DVA, München, 2012, S. 23ff.
8 Clifton-Mogg, Caroline: Das Farbdesignbuch, Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 2011, S. 102ff.
9 Henderson, Veronique, Henshaw, Pat: Colour Me Beautiful, Expert guidance to help you feel confident and look great, Octopus Publishing Group, London, 2010 S. 26ff.

Alina Schartner

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